Agrardebatte

zu Welternährung und globaler Landwirtschaft

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Als José Graziano da Silva vergangenen Juni zum neuen FAO-Chef gewählt wurde, gab es selbst von der Entwicklungshilfeorganisation Oxfam Vorschusslorbeeren. Denn der 61-jährige Brasilianer gilt als erfolgreicher Kämpfer gegen den Hunger in der Welt. Ein Gastbeitrag von Norbert Suchanek

»Peak Soil« lautet der Titel des 2009 erschienenen Buches von Thomas Fritz, der ersten umfassenderen Übersicht zum Thema »Land Grabbing« (Landnahme) in deutscher Sprache. Im folgenden noch ein Update zu diesem nach wie vor aktuellen Thema, das momentan zwischen Fukushima, Libyen und Landtagswahlen unterzugehen scheint.

Keine drei Jahre, nachdem GRAIN mit seinem Bericht „Land grab!“ auf das Thema aufmerksam gemacht hat, ist die großflächige kommerzielle Landnahme fest in der politischen Diskussion verankert. Immer neue Fälle werden bekannt, immer weitere Aspekte aufgerollt. Auch der Widerstand gegen einzelne Vorhaben und die Strategien, wie Politik, Bauernorganisationen und Zivilgesellschaft auf die Risiken und Gefahren antworten können, entwickeln sich. Insgesamt werden die Lage, die Themen und die Diskussion immer vielfältiger, aber auch unübersichtlicher. Deshalb ein weiteres globe-spotting-Update

Die Novelle “Wie viel Erde braucht der Mensch?” des russischen Schriftstellers Leo Tolstoi ist eine Parabel über menschliche Gier: Bauer Pachom vereinbart mit Landbesitzern in Baschkirien, dass er so viel Land erhält, wie er an einem Tag umrunden kann. In seiner Gier schlägt er seinen Kreis immer weiter und größer. Als er am Abend an den Ausgangspunkt zurück kommt, bricht er erschöpft zusammen und stirbt. So braucht er am Ende nur zwei Quadratmeter Land für sein Grab. Heute heißen die Pachoms Daewoo, Sun Biofuels, Al-Quadra Holding oder Cru Investment Management.

Trotz seines Aufstiegs zur globalen Wirtschaftsmacht ist China nach wie vor auch noch ein Agrarland. Dank einer erfolgreichen landwirtschaftlichen Entwicklung in den vergangenen drei Jahrzehnten kann das Land seine inzwischen 1,3 Milliarden Einwohner weitgehend selbst ernähren, gleichzeitig steigen die Agrarexporte und das Auslandsengagement chinesischer Agrarunternehmen. Diese unbekannte Seite von Chinas Entwicklung und ihre Probleme und Auswirkungen behandelt die neue Broschüre „Landwirtschaft in China: Zwischen Selbstversorgung und Weltmarktintegration“.

Seit dem globe-spotting-Literaturüberblick vom September 2010 gab es eine Reihe interessanter neuer Publikationen und Diskussionen zum Thema Land grab – ein Update:

Die steigende Zahl von Investitionsvorhaben in den Anbau von Nahrungsmitteln ist lediglich ein aktuelles Symptom für den Umbruch der globalen Landwirtschaft, der sich seit einigen Jahren vollzieht. Für die bäuerliche Landwirtschaft stellt sie eine weitere existenzbedrohende Herausforderung dar. Ihr zu begegnen ist deshalb eine zentrale politische Aufgabe – nicht zuletzt auch in den Industrieländern. Ein Beitrag für Blätter für deutsche und internationale Politik 9’09. Jetzt als Download (pdf-Datei 620 kb)

Die Veröffentlichungen über Land grabbing, also über die Verpachtung oder den Verkauf von großen Ländereien an Investoren und Spekulanten, sind inzwischen so unübersichtlich geworden wie die Landnahmeverträge und -vereinbarungen selbst – ein Versuch, sie ein wenig zu sortieren.

Jetzt haben wir es sozusagen aus berufenem Munde: Das Ausmaß von „Land grabbing“ ist anscheinend weitaus größer als bislang vermutet. Allein im Jahr 2009 fanden Verhandlungen und Vereinbarungen mit privaten Investoren über 45 Millionen Hektar Land statt, mehr als 70 Prozent davon in Afrika. Das jedenfalls steht im Bericht der Weltbank über das „steigende globale Interesse an Agrarland“. Ein Kommentar zum Weltbank-Bericht Rising Global Interest in Farmland.

Die globale Landnahme setzt sich ungebremst fort. Wie einem IIED-Briefing Paper zu entnehmen ist, sind es vor allem private Investoren, die als Akteure in Erscheinung treten. Inzwischen wird deutlich, dass „freiwillige Verpflichtungen“ für Landkäufe nicht greifen. Das wird von einem noch unveröffentlichten Weltbankbericht und den Erfahrungen bestätigt, die mit der seit acht Jahren nicht funktionierenden »Extractive Industry Transparency Initiative« gesammelt wurden. Trotzdem setzt die Weltbank auf eine »Land Transparancy Initiative«. Das einzige, was derzeit helfen könnte, wäre ein globales Moratorium.