Agrardebatte

zu Welternährung und globaler Landwirtschaft

Laut Weltagrarbericht geht es darum, dass »ökologische Nachhaltigkeit maximiert und bäuerliche Familienbetriebe wirtschaftlich so stark gemacht werden, dass sie in vorderster Linie die Armutsverringerung vorantreiben können«. Im vorliegenden Beitrag geht es um die inhaltliche Skizzierung von Alternativen. Ihre gegenwärtige politische Durchsetzbarkeit bleibt dahingestellt. Es ist aber wichtig, diese Alternativen zu kennen, denn auch im linken Spektrum wird »Fortschritt« im landwirtschaftlichen Bereich gelegentlich als Ausweitung und »Verfeinerung« agroindustrieller Produktionsmethoden gesehen.

Nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums der Vereinigten Staaten von Amerika hatten 49 Millionen US-Amerikaner (15% der Bevölkerung) im Jahre 2008 nicht immer genug zu essen, darunter 17 Millionen Kinder, 4,3 Millionen mehr als noch im Jahr zuvor. Dies ist die höchste Zahl seit Beginn dieser Aufzeichnungen. Landwirtschaftminister Vilsnack, der zum Welthungergipfel in Rom nur seine Stellvertreterin geschickt hat, erwartet für das laufende Jahr noch höhere Zahlen und sagte dazu: “Wir müssen uns sehr ernsthaft mit Ernährungssicherheit und Hunger in den USA auseinandersetzen.

Unhaltbare Versprechen, Grabenkriege um die Kontrolle globaler Entwicklungsgelder und Ernährungs-Institutionen, ungelöste Widersprüche um Agrarsprit, Welthandel und die Verteilung der Klima- und Umweltkosten, Arroganz der Industriestaaten und falsche Rücksichtnahme gegenüber Regierungen, die den Hunger in ihren Ländern nicht wirksam bekämpfen, prägen das Bild des Welternährungsgipfels, der heute in Rom begonnen hat und bereits nach einer Stunde seine Abschluß-Erklärung verabschiedete.

US-Präsident Obama hat den ehemaligen Leiter für Entwicklung der Melinda und Bill Gates Stiftung, Rajiv Shah (36) als neuen Leiter der US Entwicklungs-Behörde USAID nominiert. Shah hatte ihm bereits seit einigen Monaten als Unterstaatsekretär für Wissenschaft und Forschung im US Landwirtschaftsministerium gedient. In dieser Eigenschaft etablierte Shah das National Institute of Food and Agriculture, die neue zentrale Agrarforschungseinrichtung des USDA und besetzte sie mit dem Gentechniker Roger Beachy, der zuvor das Monsanto nahe Donald Danforth Plant Science Center gegründet hatte und leitete.

Kanadischen Farmern ist die Verunreinigung ihrer Ernte mit der gentechnisch veränderten Flachs-Sorte “Triffid”, die nirgends auf der Welt mehr zugelassen ist, in die Glieder gefahren. Ein Desaster: Die Preise für ihr Omega-3-Fettsäure haltiges Gesundheitsprodukt brechen ein und ein 300 Millione Dollar Markt ist in Gefahr, wie die kanadische Globe and Mail berichtet. Triffid wurde mittlerweile in 36 Staaten rund um den Globus gefunden.

Mit den Koalitionsvereinbarungen zum Thema Gen- und Biotechnologie ist die neue Koalition in etwa da wieder angekommen, wo die letzte Regierung Kohl stehengeblieben war: Alles prima, alles Techno, alles schick. Gentechnk hilft gegen Hunger und wird ab sofort noch mehr gefördert. Auf EU Ebene werden die Zulassungsanträge durchgewunken und die Forderungen der CSU nach regionaler Selbstbestimmung finden sich als, freilich ausbaufähiger Bettvorleger von Abstandsregelungen beim Anbau wieder. Die Zulassung von Mon 810 wird dem Gericht überlassen und zur Belustigung der Industrie soll die Gentechnik-Kartoffel von BASF dafür so schnell wie möglich angebaut werden. Dass der Text ziemlich genau dem entspricht was wir zu Beginn der Koalitionsverhandlungen vorausgesagt hatten, kann auch nicht wirklich fröhlich stimmen.

Der “ideologische” Streit um die Gentechnik “spaltet die Bewegung” gegen Hunger und Armut, sagte Bill Gates anläßlich der Verleihung des World Food Prize an den Sorghum-Forscher Gebisa Ejeta, der an der Purdue University in den USA (ganz ohne Gentechnik) neue Sorten entwickelte, die in seiner Heimat gegen Dürre und die parasitische Striga-Pflanze resistent sind. Gates, der zu den wichtigsten Geldgebern der Entwicklungshilfe gehört und u.a. ein massives Programm in Afrika unterstützt, das Bauern mit Kunstdünger, Pestiziden und neuem Saatgut versorgt, gilt als Freund technologischer Lösungen. In seiner ersten Grundsatzrede zur Landwirtschaft schimpfte Gates auf “Ideologen”, die die Einführung der Gentechnik in Afrika verhindern wollten und gegen jede Produktivitätssteigerung allergisch reagierten.

Zum letzten Mal, bevor sich die neue Regierung bildet und  eine neue EU-Kom-mission das Ruder in Brüssel übernehmen wird, war sich heute der Agrar-Ministerrat nochmal herzlich uneins über die Zulassung neuer gentechnisch veränderter Produkte aus den USA. Weil dort keine 2/3 Mehrheit für oder gegen die Zulassung von drei (nicht wirklich) neuen Gentech-Maissorten von Monsanto und DuPont zustande kam, kann jetzt die Kommission frei darüber entscheiden – wenn sie kann.Marianne Fischer-Boel hat es diesmal sichtlich eilig. Die scheidende Agrarkommissarin steht unter massivem Druck der Futtermittel-Industrie.

“Von Krise war auf der Anuga nichts zu spüren”, bilanzierte der Präsident des Bundesverbandes des deutschen Lebensmittelhandels (BVL) das Ergebnis der weltgrößten Ernährungsmesse in Köln, “Gegessen wird eben immer.” Wirklich? Die FAO veröffentlichte gestern ihren neuesten Bericht zur Welternährungslage: Die Zahl der Unterernährten hat einen neuen Weltrekord aufgestellt: 1,02 Milliarden Menschen. Ein Sechstel der Menschheit hungert. Ein anderes Sechstel leidet an Fettsucht. Das war die Zielgruppe der globalen Fertiggericht-, Aroma-, Fleisch- und Zuckerschau. Brutaler als mit dem offziellen logo der Veranstaltung, dessen gestylte Lippen eine kleine quadratische Erde vernaschen, läßt sich der Zustand der Welternährung kaum ausdrücken.