Agrardebatte

zu Welternährung und globaler Landwirtschaft

Ja, zu viel Handel macht Hunger! Also ein Handel, der nicht den Schutz der kleinbäuerlichen Grundnahrungsmittelproduktion und den Aufbau einer verarbeitenden Lebensmittelindustrie erlaubt.  Das Handelsunternehmen Töpfer International sieht das anders. „Nein, im Gegenteil!“ Der Reismarkt in der ersten Jahreshälfte 2008 sei ein Paradebeispiel dafür, wie zu wenig Handel Hunger verursache. So ging es hin und her im Streitgespräch über Welternährung und die Rolle des Agrarhandels bei der Bekämpfung des Hungers mit Klaus-Dieter Schumacher von Töpfer-International.

Gammelfleisch, Käfighaltung, Vogel- und Schweinegrippe bringen die industrielle Fleischerzeugung immer wieder in die Schlagzeilen. Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit blieb dagegen der Transformations- und Konzentrationsprozess, den die Industrie in den vergangenen Jahren vollzogen hat. Einige wenige Unternehmen kontrollieren inzwischen die gesamte Produktions- und Wertschöpfungskette. Mit dieser Entwicklung und ihren vielfältigen negativen Auswirkungen auf Gesundheit von Mensch und Tier, auf die natürliche Umwelt und die bäuerliche Landwirtschaft wird sich das globe-spotting-SPECIAL „Ware Fleisch“ in den kommenden Monaten beschäftigen.

Vor zwei Jahren gab es in zahlreichen Ländern des Südens sogenannte Hungerrevolten (Food Riots). Sie erregten soviel Aufsehen, daß ihnen über einen längeren Zeitraum Platz in den Schlagzeilen der Weltpresse eingeräumt wurde. Wichtige Mainstream-Zeitungen und -Zeitschriften widmeten dem Thema wiederholt Beiträge. Ein gemeinsames Merkmal vieler dieser Berichte war die Hervorhebung des »chaotischen« und »gewalttätigen« Charakters der Proteste, ein Klischee, das bekanntlich nicht auf Food Riots beschränkt ist, sondern auch bei anderen Protesten zur Anwendung kommt.

Während das Ausmaß von „land grabbing“ durch ausländische Investoren zunimmt, gibt es Vorstöße einiger Regierungen und internationaler Institutionen wie der Weltbank, einen Verhaltenskodex auszuhandeln mit einer Reihe von Grundsätzen, die die Landnahmen von einer Bedrohung in eine Chance für ländliche Entwicklung und Armutsminderung verwandeln sollen. Dazu ein globe-spotting-Kommentar von Saturnino Borras Jr. und Jennifer Franco.

Kuba: Ausweitung der Nutzfläche, Fokussierung auf Familienbetriebe, ökologischen Anbau und urbane Gemüseproduktion.
Während von progressiven Agrarwissenschaftlern die kubanische Landwirtschaft als erfolgreiches nationales Experiment gepriesen wird, veröffentlichte Dennis Avery im April 2009 einen Artikel mit dem Titel „Cubans Starve on a Diet of Lies“ (Die Kubaner verhungern an einer Nahrung aus Lügen). Eine Gruppe von Autoren unter Federführung des kubanischen Agrarökologen Fernando Funes hat sich die Mühe gemacht haben, die von Avery in die Welt gesetzten Fehlinformationen zu zerpflücken.

Eine wirklich grosse Koalition aus Greenpeace, dem Deutschen Bauernverband, Misereor, der hessischen Landesregierung, der bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall und vielen, vielen anderen hatte heute Grund zum feiern: Das Europäische Patentamt hat endlich ein von Monsanto auf besonders fleischreiche Schweinerassen angemeldetes Patent widerrufen. Ein guter Anlass für die Politik, endlich dem wirren Patent-Treiben auf Tiere, Pflanzen, Gene und sogar menschliche Zellen ein Ende zu bereiten.

Humberto Ríos Labrada, ein Agrarwissenschaftler aus Kuba, hat den mit 150.000 Dollar dotierten Goldmann Umweltpreis gewonnen. Geehrt wird er für seine Verdienste um die landwirtschaftliche Vielfalt und die Unabhängigkeit der Kleinbauern auf der Zuckerrohr-Insel. Dass vieler seiner Lieder eindeutig nur für Erwachsene sind, hat vielleicht mehr mit  Labrada’s Mission zu tun als man auf den ersten Blick annehmen mag.  Sex ist schließlich die Grundlage aller Vielfalt.

Die Landwirtschaft in China hat unübersehbare Probleme: Boden und Wasser werden durch Agrargifte und Dünger geschädigt und durch Urbanisierung und Erosion knapp. Der Sojaanbau leidet unter Billigimporten. Die Kluft zwischen Stadt und Land wächst. Lebensmittelskandale empören die Bevölkerung. Diese Gefährdung der Ernährungssicherheit und mögliche Lösungen wurden Mitte März bei einem internationalen Workshop in Beijings Renmin-Universität diskutiert. Ein Bericht für das EU-China Civil Society Forum.

Langsam geht die Sache ins Geld. Zu fast 50 Millionen Dollar, 42 davon als Strafzahlung, verurteilte am Donnerstag ein Gericht in Arkansas, USA, Bayer Crop Science für die gentechnische Verunreinigung von Reis-Saatgut von 12 Bauern. Die klagenden Reisbauern konnten ihre Ware im Jahre 2006 nicht mehr verkaufen, weil ohne ihr Wissen gentechnisch veränderter Reis in ihrem Saatgut gelandet war, der aus einem Versuch der Firma stammte. Das Urteil ist das vierte seiner Art und die jeweiligen Strafzahlungen sind von Urteil zu Urteil gestiegen. Bayers Problem: Bisher wurden erst 20 von insgesamt fast 500 Klagen verhandelt.

Statt mit Waffengewalt sichern sich heute reiche Länder und multinationale Konzerne mit dem nötigen Kleingeld üppige Ländereien in armen und korruptionsgebeutelten Staaten. Anders als behauptet ist die neue Umverteilung von Boden keine Win-win-Situation. Die aktuelle Situation schreit nach einem globalen Moratorium für Landtransaktionen, zumindest bis dafür bestimmte Minimalprinzipien sanktionierbar implementiert wären – eine Forderung, die ähnlich geringe Chancen auf Durchsetzung hat, wie solche Minimalprinzipien selbst. Lokaler Basiswiderstand scheint derzeit die einzige Alternative.