Agrardebatte

zu Welternährung und globaler Landwirtschaft

Durchsuche Beiträge in Technologien

Wenn “China Daily”, die größte englischsprachige Zeitung der chinesischen Regierung ein Thema diskutiert, signalisiert dies im Reich der Mitte zunächst eines: Kritik ist erlaubt. Keine Selbstverständlichkeit in einem Land, in dem die Zensur noch immer den öffentlichen Diskurs bestimmt. Am vergangenen Donnerstag berichtete China Daily erstmals über Widerstand und Bedenken gegen das im November erteilte Sicherheitszertifikat der nationalen Biosicherheitsbehörde, das dazu führen könnte, dass gentechnisch veränderter Reis in drei bis fünf Jahren im größten Reisland der Erde kommerziell angebaut wird.

Kanadischen Farmern ist die Verunreinigung ihrer Ernte mit der gentechnisch veränderten Flachs-Sorte “Triffid”, die nirgends auf der Welt mehr zugelassen ist, in die Glieder gefahren. Ein Desaster: Die Preise für ihr Omega-3-Fettsäure haltiges Gesundheitsprodukt brechen ein und ein 300 Millione Dollar Markt ist in Gefahr, wie die kanadische Globe and Mail berichtet. Triffid wurde mittlerweile in 36 Staaten rund um den Globus gefunden.

Mit den Koalitionsvereinbarungen zum Thema Gen- und Biotechnologie ist die neue Koalition in etwa da wieder angekommen, wo die letzte Regierung Kohl stehengeblieben war: Alles prima, alles Techno, alles schick. Gentechnk hilft gegen Hunger und wird ab sofort noch mehr gefördert. Auf EU Ebene werden die Zulassungsanträge durchgewunken und die Forderungen der CSU nach regionaler Selbstbestimmung finden sich als, freilich ausbaufähiger Bettvorleger von Abstandsregelungen beim Anbau wieder. Die Zulassung von Mon 810 wird dem Gericht überlassen und zur Belustigung der Industrie soll die Gentechnik-Kartoffel von BASF dafür so schnell wie möglich angebaut werden. Dass der Text ziemlich genau dem entspricht was wir zu Beginn der Koalitionsverhandlungen vorausgesagt hatten, kann auch nicht wirklich fröhlich stimmen.

Der “ideologische” Streit um die Gentechnik “spaltet die Bewegung” gegen Hunger und Armut, sagte Bill Gates anläßlich der Verleihung des World Food Prize an den Sorghum-Forscher Gebisa Ejeta, der an der Purdue University in den USA (ganz ohne Gentechnik) neue Sorten entwickelte, die in seiner Heimat gegen Dürre und die parasitische Striga-Pflanze resistent sind. Gates, der zu den wichtigsten Geldgebern der Entwicklungshilfe gehört und u.a. ein massives Programm in Afrika unterstützt, das Bauern mit Kunstdünger, Pestiziden und neuem Saatgut versorgt, gilt als Freund technologischer Lösungen. In seiner ersten Grundsatzrede zur Landwirtschaft schimpfte Gates auf “Ideologen”, die die Einführung der Gentechnik in Afrika verhindern wollten und gegen jede Produktivitätssteigerung allergisch reagierten.

Zum letzten Mal, bevor sich die neue Regierung bildet und  eine neue EU-Kom-mission das Ruder in Brüssel übernehmen wird, war sich heute der Agrar-Ministerrat nochmal herzlich uneins über die Zulassung neuer gentechnisch veränderter Produkte aus den USA. Weil dort keine 2/3 Mehrheit für oder gegen die Zulassung von drei (nicht wirklich) neuen Gentech-Maissorten von Monsanto und DuPont zustande kam, kann jetzt die Kommission frei darüber entscheiden – wenn sie kann.Marianne Fischer-Boel hat es diesmal sichtlich eilig. Die scheidende Agrarkommissarin steht unter massivem Druck der Futtermittel-Industrie.

Während Schwarz-Gelb sich über den künftigen Umgang mit der Agro-Gentechnik bisher nicht einigen kann, fordern die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina, die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften gemeinsam schon mal, das Gentechnikgesetz komplett zu schleiffen: Keine Haftung, keine Veröffentlichung der Standorte, geringere Sicherheitsabstände, Verkürzung der Anmeldefrist und ein Freibrief für die Auskreuzung nicht zugelassener Gentechnik-Konstrukte aus Experimenten auf Nachbarfelder gehören zur Wunschliste der Wissenschaftler, nicht zu vergessen “praktikable Schwellenwerte” für die Verunreinigung von konventionellem mit gentechnischem Saatgut. Auch der wissenschaftlich-industrielle Bioökonomierat der Bundesregierung fühlt sich berufen, in die Koalitionsverhandlungen einzugreifen und seine Forderung nach Lockerung des Gentechnik-Gesetzes zu wiederholen.

Was stellen Sie sich unter „Bioökonomie” vor? Vielleicht, wie Bioprodukte sich rechnen, oder die Wirtschaft „bio” wird oder das Leben seine eigene Ökonomie hat? Man rätselt was die neue Kreation uns sagen will und wer vor allem uns die Botschaft schickt. Bio heißt Leben, Oikos der Haushalt, soviel haben wir gelernt, klingt irgendwie schick, soll es wohl auch.  Neuerdings hat Deutschland einen Bioökonomie-Rat. Mit zwei Millionen Euro Taschengeld von Forschungsministerin Annette Schavan alimentiert, soll er „wissenschaftlich fundierte Analysen zur nachhaltigen Nutzung von Biomasse entwickeln und Vorschläge für eine nationale Innovationsstrategie machen.”  Wir sind enttäuscht: Alles eine Biomasse? Dann lesen wir die Mitgliederliste des Rates und sind noch enttäuschter: Ausschließlich hochkarärtige Technokraten und Manager aus Industrie und Wissenschaft mit grober Gentechnik-Schlagseite.