Agrardebatte

zu Welternährung und globaler Landwirtschaft

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Anläßlich des Welternährungsgipfels, der in der Woche vom 11. Oktober 2010 in Rom tagte, wurde der aktuelle Welthungerindex vorgestellt. Dem zufolge leidet derzeit zirka eine Milliarde Menschen an Hunger und Unterernährung. Die Mitverantwortung der internationalen Saatgutkonzerne an der Permanenz der globalen Hungerkrise und mögliche Alternativen dazu sind Gegenstand eines zweiteiligen Beitrags, der am 14. und 15. Oktober 2010 in der Tageszeitung „junge Welt“ erschien.

Teil I

Teil II

Die steigende Zahl von Investitionsvorhaben in den Anbau von Nahrungsmitteln ist lediglich ein aktuelles Symptom für den Umbruch der globalen Landwirtschaft, der sich seit einigen Jahren vollzieht. Für die bäuerliche Landwirtschaft stellt sie eine weitere existenzbedrohende Herausforderung dar. Ihr zu begegnen ist deshalb eine zentrale politische Aufgabe – nicht zuletzt auch in den Industrieländern. Ein Beitrag für Blätter für deutsche und internationale Politik 9’09. Jetzt als Download (pdf-Datei 620 kb)

Jetzt haben wir es sozusagen aus berufenem Munde: Das Ausmaß von „Land grabbing“ ist anscheinend weitaus größer als bislang vermutet. Allein im Jahr 2009 fanden Verhandlungen und Vereinbarungen mit privaten Investoren über 45 Millionen Hektar Land statt, mehr als 70 Prozent davon in Afrika. Das jedenfalls steht im Bericht der Weltbank über das „steigende globale Interesse an Agrarland“. Ein Kommentar zum Weltbank-Bericht Rising Global Interest in Farmland.

Anfang September wird in Ghanas Hauptstadt Accra enthüllt werden, wie nicht nur der Hunger in Afrika, sondern die Ernährungskrise überhaupt beendet werden soll: Mit der „Brotkorb-Strategie“ will die Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika (AGRA) einen Durchbruch bei der landwirtschaftlichen Produktion bringen. Afrikas Kleinbauern werden danach nicht nur den Kontinent ernähren, sondern auch noch Reis exportieren können. Ein Kommentar von Uwe Hoering

Seit einigen Jahren versuchen Agrokonzerne wie Monsanto, sich mit der Conservation Agriculture, bei der auf mechanische Bodenbearbeitung weitgehend verzichtet wird, ein grünes Image zu geben. Dabei werden sie tatkräftig unterstützt durch scheinbar neutrale Instanzen wie die UN-Landwirtschafts- und Ernährungsorganisation FAO. Besonders attraktiv an der „erhaltenden Landwirtschaft“: Sie könnte sich für die Agrarindustrie als zusätzlicher Profittriebsatz erweisen und Gensoja zum Klimaretter stilisieren.

Seit kapitalkräftige Investoren die Landwirtschaft entdeckt haben, freut sich die Politik. Was sie selbst jahrzehntelang versäumt hat, soll jetzt die Privatwirtschaft retten. Das war auch der Tenor bei der Internationalen Konferenz: Politik gegen Hunger, die das Landwirtschaftsministerium jüngst in Berlin veranstaltete. Im Mittelpunkt stand die „Förderung verantwortlicher Aktivitäten des Privatsektors in der Landwirtschaft im Interesse von Ernährungssicherheit und Ernährung“. Ein Kommentar

Der Parlamentarische Staatssekretär im Landwirtschaftsministerium, Gerd Müller, sorgt sich qua Amt nicht nur um die Ernährung der deutschen Verbraucher, sondern auch um das Wohlergehen der Chinesen – und um die heimische Milchwirtschaft, um Tierzüchter und Anlagenbauer. Angesichts des boomenden chinesischen Marktes würden sich für die „hochwertige“ und „sichere“ deutsche Milch große Chancen eröffnen. In der Tat expandieren in China Nachfrage, industrielle Tierhaltung und in- und ausländische Konzerne.

„Wissensbasierte Bioökonomie“ ist ein neues Schlagwort in den Politik-Werkstätten von Berlin bis Brüssel. Es umschreibt eine Strategie des endgültigen Durchgriffs der Industrie auf die Landwirtschaft. Präsentiert wird sie als zwingendes Gebot der Nachhaltigkeit und wissenschaftlichen Vernunft in Zeiten des Klimawandels und globalen Marktes. Agrarsprit und Gentechnik, „grüne Fabriken“ und Bio-Raffinerien, nachwachsende Rohstoffe und Spezialchemie vom Acker verweben sich zu einem Konzept radikal veränderter Landnutzung, in dem Bauern nur am Rande vorkommen und der Anbau traditioneller Lebensmittel als lästige Pflicht erscheint.

Die industrielle Tierhaltung hat längst die Grenzen der Nachhaltigkeit gesprengt. So gefährdet sie unter anderem die biologische Vielfalt gleich dreifach: Sie schädigt Ökosysteme durch Schadstoffe, Futtermittelanbau und Überdüngung, sie verdrängt die Vielfalt lokaler Rassen und die industriellen Zuchtlinien selbst sind genetisch hochgradig uniform.

Gammelfleisch, Käfighaltung, Vogel- und Schweinegrippe bringen die industrielle Fleischerzeugung immer wieder in die Schlagzeilen. Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit blieb dagegen der Transformations- und Konzentrationsprozess, den die Industrie in den vergangenen Jahren vollzogen hat. Einige wenige Unternehmen kontrollieren inzwischen die gesamte Produktions- und Wertschöpfungskette. Mit dieser Entwicklung und ihren vielfältigen negativen Auswirkungen auf Gesundheit von Mensch und Tier, auf die natürliche Umwelt und die bäuerliche Landwirtschaft wird sich das globe-spotting-SPECIAL „Ware Fleisch“ in den kommenden Monaten beschäftigen.