Agrardebatte

zu Welternährung und globaler Landwirtschaft

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März 2010: Im Februar veröffentlichte die UN-Organisation für Ernährung und Landwirt­schaft, FAO, ihren jährlichen Bericht „The State of Food and Agriculture„, mit dem Themenschwerpunkt Tierhaltung („Livestock in the Balance„). Die Kernaussage: Die rasche Transformation und weltweite Industrialisierung der Fleischerzeugung verdrängt immer mehr Hirtenvölker und kleine Betriebe, die Landwirtschaft und Viehhaltung verbinden, und trägt damit zur Verschärfung von Armut und Umweltzerstörungen bei.  Eine Zusammen­fassung, von Uwe Hoering.

Die Zukunft verheißt nichts Gutes: Das Scheitern des Klimagipfels und das kaum überraschende Beharren der führenden Industrieländer auf den bisherigen Positionen der Landwirtschafts- und Ernährungspolitik lassen vermuten, dass die Zuspitzung der Welternährungskrise noch dramatischer verlaufen wird als bisher eingestanden – ein Trend, der Erinnerungen an die Food Riots in 39 Ländern in 2007/2008 wach ruft. Zeitliche Dichte und globale Verbreitung dieser Ereignisse waren beispiellos und alarmierten die Zentren der Macht. Die Wiederkehr von Food Riots scheint nur eine Frage der Zeit.

ndien der Lebensmittelpreis-Index innerhalb einer Woche von 14,6% auf 15,6% gegenüber dem Vorjahr ansteigt, ist das nicht irgendeine Meldung. Über ein Viertel der Hungernden dieser Welt sind Inder. Aktuelle Gründe sind ein Mix aus  Klima- und Finanz-Problemen. Ausbleibende Monsoon-Regen und anschließende Regengüsse zur Unzeit haben zu erheblichen Ernteausfällen geführt. Die Finanz-Intervention der Regierung zur Steigerung der Industrieproduktion heizt die Inflation an. Ein Vorgeschmack auf den nächsten “perfect storm” am Ernährungshorizont? Der UN-Beauftragte für Ernährungssicherheit, Olivier de Schutter, erwartet schon 2010 eine neue Nahrungskrise.

Äthiopien ist ein besonders augenfälliges Beispiel für die Problematik der Land­nahme durch ausländische Investoren, die seit drei, vier Jahren unter anderem in Afrika verstärkt stattfindet. Die Regierung fördert diesen Prozess intensiv und wird dabei von Gebern wie der Weltbank mit einer exportorientierten Entwicklungsstra­tegie massiv unterstützt.

Die Erwartungen an den Weltgipfel für Ernährungssicherheit in Rom (16.-18. November) waren nicht hoch. Die Abschlusserklärung lag bereits vorher fix und fertig vor. Trotzdem ist es gelungen, noch dahinter zurück zu fallen. Kein frisches Geld, keine besseren Konzepte, keine ehrgeizigen Ziele – kurzum: keine neue Substanz, wo doch zu erwarten gewesen wäre, dass angesichts der Krise jetzt ein Aufbruch erfolgen würde. Immerhin gibt es mit dem reformierten Komitee für Ernährungssicherheit (CFS), das manche im Überschwang der Gefühle bereits als “eine Art Weltparlament für Ernährungssicherheit“ sehen, Hoffnungen.

Gut dass man mal drüber geredet hat? Der Welternährungsgipfel der FAO wird in die Geschichte als ein Armutszeugnis internationaler Politik eingehen. Die Weltgemeinschaft der Potentaten und Staatschefs erwies sich einmal mehr als unfähig und unwillg, wirkliche Probleme gemeinsam anzugehen. Ein Vorgeschmack auf Kopenhagen?Die Schlusserklärung wurde bereits in der ersten Sitzung verabschiedet: Floskeln und Allgemeinplätze, Prinzipien und technische Details über die nach wie vor von Eifersucht und Streiterei geprägten internationalen Gremien, die die größte Menschenrechts-Verletzung aller Zeiten, den vermeidbaren Hunger eines Sechstels der Menschheit, weiter verwalten sollen. Zusätzliche Hilfsmittel wurden nicht zugesagt. Wie sich die einzelnen Staaten ihre bisherigen Zusagen zurecht rechnen und wieviel Geld tatsächlich auf dem Tisch liegt, ist selbst Eingeweihten ein Rätsel.

Nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums der Vereinigten Staaten von Amerika hatten 49 Millionen US-Amerikaner (15% der Bevölkerung) im Jahre 2008 nicht immer genug zu essen, darunter 17 Millionen Kinder, 4,3 Millionen mehr als noch im Jahr zuvor. Dies ist die höchste Zahl seit Beginn dieser Aufzeichnungen. Landwirtschaftminister Vilsnack, der zum Welthungergipfel in Rom nur seine Stellvertreterin geschickt hat, erwartet für das laufende Jahr noch höhere Zahlen und sagte dazu: “Wir müssen uns sehr ernsthaft mit Ernährungssicherheit und Hunger in den USA auseinandersetzen.

Unhaltbare Versprechen, Grabenkriege um die Kontrolle globaler Entwicklungsgelder und Ernährungs-Institutionen, ungelöste Widersprüche um Agrarsprit, Welthandel und die Verteilung der Klima- und Umweltkosten, Arroganz der Industriestaaten und falsche Rücksichtnahme gegenüber Regierungen, die den Hunger in ihren Ländern nicht wirksam bekämpfen, prägen das Bild des Welternährungsgipfels, der heute in Rom begonnen hat und bereits nach einer Stunde seine Abschluß-Erklärung verabschiedete.

US-Präsident Obama hat den ehemaligen Leiter für Entwicklung der Melinda und Bill Gates Stiftung, Rajiv Shah (36) als neuen Leiter der US Entwicklungs-Behörde USAID nominiert. Shah hatte ihm bereits seit einigen Monaten als Unterstaatsekretär für Wissenschaft und Forschung im US Landwirtschaftsministerium gedient. In dieser Eigenschaft etablierte Shah das National Institute of Food and Agriculture, die neue zentrale Agrarforschungseinrichtung des USDA und besetzte sie mit dem Gentechniker Roger Beachy, der zuvor das Monsanto nahe Donald Danforth Plant Science Center gegründet hatte und leitete.

Zu Recht schlugen Organisationen wie GRAIN im Oktober 2008 Alarm, weil Staaten und Investmentgesellschaften in einen Kaufrausch verfallen sind, bei dem riesige Ländereien durch Pacht oder Eigentumsüberschreibung ihren Besitzer wechseln. Das Phänomen ist vielschichtig, und die Ereignisse in den letzten zwei Jahren repräsentieren nur die Spitze eines Eisbergs, der seit rund zwei Jahrzehnten durch die neoliberalen Gewässer driftet. Nicht nur kritische NGOs, sondern auch Thinktanks und Institutionen publizierten dazu Analysen, veranstalteten Konferenzen und gaben Studien in Auftrag.