Agrardebatte

zu Welternährung und globaler Landwirtschaft

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Die Erwartungen an den Weltgipfel für Ernährungssicherheit in Rom (16.-18. November) waren nicht hoch. Die Abschlusserklärung lag bereits vorher fix und fertig vor. Trotzdem ist es gelungen, noch dahinter zurück zu fallen. Kein frisches Geld, keine besseren Konzepte, keine ehrgeizigen Ziele – kurzum: keine neue Substanz, wo doch zu erwarten gewesen wäre, dass angesichts der Krise jetzt ein Aufbruch erfolgen würde. Immerhin gibt es mit dem reformierten Komitee für Ernährungssicherheit (CFS), das manche im Überschwang der Gefühle bereits als “eine Art Weltparlament für Ernährungssicherheit“ sehen, Hoffnungen.

Gut dass man mal drüber geredet hat? Der Welternährungsgipfel der FAO wird in die Geschichte als ein Armutszeugnis internationaler Politik eingehen. Die Weltgemeinschaft der Potentaten und Staatschefs erwies sich einmal mehr als unfähig und unwillg, wirkliche Probleme gemeinsam anzugehen. Ein Vorgeschmack auf Kopenhagen?Die Schlusserklärung wurde bereits in der ersten Sitzung verabschiedet: Floskeln und Allgemeinplätze, Prinzipien und technische Details über die nach wie vor von Eifersucht und Streiterei geprägten internationalen Gremien, die die größte Menschenrechts-Verletzung aller Zeiten, den vermeidbaren Hunger eines Sechstels der Menschheit, weiter verwalten sollen. Zusätzliche Hilfsmittel wurden nicht zugesagt. Wie sich die einzelnen Staaten ihre bisherigen Zusagen zurecht rechnen und wieviel Geld tatsächlich auf dem Tisch liegt, ist selbst Eingeweihten ein Rätsel.

Laut Weltagrarbericht geht es darum, dass »ökologische Nachhaltigkeit maximiert und bäuerliche Familienbetriebe wirtschaftlich so stark gemacht werden, dass sie in vorderster Linie die Armutsverringerung vorantreiben können«. Im vorliegenden Beitrag geht es um die inhaltliche Skizzierung von Alternativen. Ihre gegenwärtige politische Durchsetzbarkeit bleibt dahingestellt. Es ist aber wichtig, diese Alternativen zu kennen, denn auch im linken Spektrum wird »Fortschritt« im landwirtschaftlichen Bereich gelegentlich als Ausweitung und »Verfeinerung« agroindustrieller Produktionsmethoden gesehen.

“Von Krise war auf der Anuga nichts zu spüren”, bilanzierte der Präsident des Bundesverbandes des deutschen Lebensmittelhandels (BVL) das Ergebnis der weltgrößten Ernährungsmesse in Köln, “Gegessen wird eben immer.” Wirklich? Die FAO veröffentlichte gestern ihren neuesten Bericht zur Welternährungslage: Die Zahl der Unterernährten hat einen neuen Weltrekord aufgestellt: 1,02 Milliarden Menschen. Ein Sechstel der Menschheit hungert. Ein anderes Sechstel leidet an Fettsucht. Das war die Zielgruppe der globalen Fertiggericht-, Aroma-, Fleisch- und Zuckerschau. Brutaler als mit dem offziellen logo der Veranstaltung, dessen gestylte Lippen eine kleine quadratische Erde vernaschen, läßt sich der Zustand der Welternährung kaum ausdrücken.

Auch letzten Montag kam für die existenzbedrohten Milchbauern Europas aus Brüssel nichts Neues: Nachdenken und verhandeln will man weiter, zusätzliches Geld von der EU gibt es nicht. Eine Initiative, die den Erzeugern eine bessere Verhandlungsposition gegenüber ihren hoch konzentrierten Abnehmern schaffen soll, wird von 7 Mitgliedstaaten fürs Erste abgeblockt. Das Bauernsterben geht weiter. Im Kern hat sich nichts bewegt. Dieser Kern heisst: Weniger oder mehr?

Mit der Worthülse »Nachhaltigkeit« versehen, favorisieren FAO und Weltbank »hochproduktive Systeme«, d.h. Hochleistungssorten, deren Ertragspotential nur unter Einsatz von Intensivbewässerung, Pestiziden und chemischer Düngung ausgeschöpft werden kann.
Die Verfechter alternativer Strategien fordern eine stärkere Unterstützung der landwirtschaftlichen Entwicklung in den Ländern des Südens, die sich mit dem Begriff »Ernährungssouveränität« (Via Campensina) subsumieren lässt – tatsächliche Nachhaltigkeit, die eine darauf ausgerichtete Agrarforschung einschließt.