Agrardebatte

zu Welternährung und globaler Landwirtschaft

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Vor zwei Jahren gab es in zahlreichen Ländern des Südens sogenannte Hungerrevolten (Food Riots). Sie erregten soviel Aufsehen, daß ihnen über einen längeren Zeitraum Platz in den Schlagzeilen der Weltpresse eingeräumt wurde. Wichtige Mainstream-Zeitungen und -Zeitschriften widmeten dem Thema wiederholt Beiträge. Ein gemeinsames Merkmal vieler dieser Berichte war die Hervorhebung des »chaotischen« und »gewalttätigen« Charakters der Proteste, ein Klischee, das bekanntlich nicht auf Food Riots beschränkt ist, sondern auch bei anderen Protesten zur Anwendung kommt.

Eine wirklich grosse Koalition aus Greenpeace, dem Deutschen Bauernverband, Misereor, der hessischen Landesregierung, der bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall und vielen, vielen anderen hatte heute Grund zum feiern: Das Europäische Patentamt hat endlich ein von Monsanto auf besonders fleischreiche Schweinerassen angemeldetes Patent widerrufen. Ein guter Anlass für die Politik, endlich dem wirren Patent-Treiben auf Tiere, Pflanzen, Gene und sogar menschliche Zellen ein Ende zu bereiten.

Langsam geht die Sache ins Geld. Zu fast 50 Millionen Dollar, 42 davon als Strafzahlung, verurteilte am Donnerstag ein Gericht in Arkansas, USA, Bayer Crop Science für die gentechnische Verunreinigung von Reis-Saatgut von 12 Bauern. Die klagenden Reisbauern konnten ihre Ware im Jahre 2006 nicht mehr verkaufen, weil ohne ihr Wissen gentechnisch veränderter Reis in ihrem Saatgut gelandet war, der aus einem Versuch der Firma stammte. Das Urteil ist das vierte seiner Art und die jeweiligen Strafzahlungen sind von Urteil zu Urteil gestiegen. Bayers Problem: Bisher wurden erst 20 von insgesamt fast 500 Klagen verhandelt.

Auf keinem bulgarischen Feld werden gentechnisch veränderte Pflanzen wachsen”. Damit zitiert Reuters einen Sprecher der regierenden Bürger für eine europäische Entwicklung Bulgariens (GERB), die seit Juli letzten Jahres das Land regieren und wie die CDU Mitglied der Europäischen Volksparteien sind. Anstatt, wie ursprünglich geplant, das restriktive bulgarische Gentechnikgesetz aufzuweichen, verschärfte die GERB es nach massiven Protesten und einer Umfrage, die ergab, dass sich 97% der Bürger ein gentechnikfreies Bulgarien wünschen.

Die Zukunft verheißt nichts Gutes: Das Scheitern des Klimagipfels und das kaum überraschende Beharren der führenden Industrieländer auf den bisherigen Positionen der Landwirtschafts- und Ernährungspolitik lassen vermuten, dass die Zuspitzung der Welternährungskrise noch dramatischer verlaufen wird als bisher eingestanden – ein Trend, der Erinnerungen an die Food Riots in 39 Ländern in 2007/2008 wach ruft. Zeitliche Dichte und globale Verbreitung dieser Ereignisse waren beispiellos und alarmierten die Zentren der Macht. Die Wiederkehr von Food Riots scheint nur eine Frage der Zeit.

Ein neuer Streit um die Gentechnik tobt dieser Tage um die Milch: Wird “ohne Gentechnik” bald zur Selbstverständlichkeit bei Frischmilch, Käse, Joghurt und Quark? Freunde der Gentechnik laufen dagegen Sturm. Denn es geht dabei um mehr als nur die Frage, was die Kuh gefressen hat oder gar um Spitzfindigkeiten was wirklich gentechnikfrei ist oder nicht. Hinter dem was Grosskonzerne wie Lidl, Friesland/Campina, ReWe und andere als “heissen trend” entdeckt haben, stecken Fragen nach Klimaschutz, regionaler und globaler Gerechtigkeit und der Verantwortung und Macht der Verbraucherinnen, taucht eine faire Milch am Horizont auf und wird eine andere Agrarpolitik sichtbar, die wir alle gestalten könnten.

“Von Krise war auf der Anuga nichts zu spüren”, bilanzierte der Präsident des Bundesverbandes des deutschen Lebensmittelhandels (BVL) das Ergebnis der weltgrößten Ernährungsmesse in Köln, “Gegessen wird eben immer.” Wirklich? Die FAO veröffentlichte gestern ihren neuesten Bericht zur Welternährungslage: Die Zahl der Unterernährten hat einen neuen Weltrekord aufgestellt: 1,02 Milliarden Menschen. Ein Sechstel der Menschheit hungert. Ein anderes Sechstel leidet an Fettsucht. Das war die Zielgruppe der globalen Fertiggericht-, Aroma-, Fleisch- und Zuckerschau. Brutaler als mit dem offziellen logo der Veranstaltung, dessen gestylte Lippen eine kleine quadratische Erde vernaschen, läßt sich der Zustand der Welternährung kaum ausdrücken.

Wenn Karl Lagerfeld im Grand Palais zu Paris seine Chanel-Kollektion im Heu präsentiert und dabei “Fuck-You-very-much“-Lily Allen aus dem Stallboden auftaucht, fragen wir uns: was teilt uns der Zeitgeist damit über die neue gesellschaftliche Rolle der Landwirtschaft mit?

Dass der Mann tatsächlich Landwirtschafts- und Verbraucherminister wird, ist zwar glücklicherweise nicht zu befürchten.Dennoch ist die Berufung des Bauernverbands-Vize und Agrar-Industriellen Udo Folgart in das Schatten-Team von Frank-Walter Steinmeier ein programmatischer Schlag ins Kontor: Ein vehementer Befürworter von Gentechnik, Agrarsprit und Industriemilch vertritt jetzt das landwirtschaftliche Profil der SPD. Tiefer in den Filz von Bauern- und Raiffeisenverband, Agrarindustrie, Subventionslobby alter Schule und ehemaliger DDR-LPG-Seilschaften hätten die Genossen nicht greifen können. Wie sie mit einem derart groben Klotz Verbraucherinnen oder aufgebrachte Kleinbauern begeistern wollen bleibt ihr Geheimnis.