Agrardebatte

zu Welternährung und globaler Landwirtschaft

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Dem Weltklimarat (IPCC) zufolge wird Mexiko bis zum Jahr 2050 zwischen 13 und 27 Prozent seiner landwirtschaftlicher Nutzfläche verlieren. In den nächsten Jahrzehnten wird mit einer kumulativen Erhöhung der Migration aufgrund klimabedingter Ernteausfälle um sechs bis sieben Millionen Menschen gerechnet, zusätzlich zu der ohnehin seit Jahren stattfindenden Auswanderung aufgrund der wirtschaftlichen und sozialen Misere – so die Einschätzung einer Studie der Princeton Universität (USA). Doch während die mexikanische Regierung mit rhetorischem Umwelt- und Klimaschutz dagegen hält, sind dort Menschen, die sich für diese Ziele tatsächlich einsetzen, Repressionen ausgesetzt.

Anläßlich des Welternährungsgipfels, der in der Woche vom 11. Oktober 2010 in Rom tagte, wurde der aktuelle Welthungerindex vorgestellt. Dem zufolge leidet derzeit zirka eine Milliarde Menschen an Hunger und Unterernährung. Die Mitverantwortung der internationalen Saatgutkonzerne an der Permanenz der globalen Hungerkrise und mögliche Alternativen dazu sind Gegenstand eines zweiteiligen Beitrags, der am 14. und 15. Oktober 2010 in der Tageszeitung „junge Welt“ erschien.

Teil I

Teil II

Die globale Landnahme setzt sich ungebremst fort. Wie einem IIED-Briefing Paper zu entnehmen ist, sind es vor allem private Investoren, die als Akteure in Erscheinung treten. Inzwischen wird deutlich, dass „freiwillige Verpflichtungen“ für Landkäufe nicht greifen. Das wird von einem noch unveröffentlichten Weltbankbericht und den Erfahrungen bestätigt, die mit der seit acht Jahren nicht funktionierenden »Extractive Industry Transparency Initiative« gesammelt wurden. Trotzdem setzt die Weltbank auf eine »Land Transparancy Initiative«. Das einzige, was derzeit helfen könnte, wäre ein globales Moratorium.

Kubas Landwirtschaft befindet sich in einer wichtigen Phase. Es existieren günstige Voraussetzungen, um mittelfristig Ernährungssouveränität zu erreichen und es besteht der politische Wille, die ehemals industriell geprägte Landwirtschaft Kubas in eine solche zu transformieren, die von hoch produktiven, nachhaltig wirtschaftenden bäuerlichen Betrieben bestimmt wird. Aber der bewunderten »Revolution der Nachhaltigkeit« droht Gefahr aus der eigenen gentechnischen Ecke. Seit kurzem ist die Diskussion um dieses Thema entbrannt.

„Die lokale Bevölkerung in vielen Ländern des Südens befindet sich nunmehr in der Zange zwischen Naturschutzgebieten, Baum- und Energiepflanzenplantagen sowie großflächig aufgekauften Ländereien, die von Investoren mit industriemäßigen Methoden bewirtschaftet werden. Mit anderen Worten, für Wanderfeldbauer, Hirten und Waldbewohner ist kein Platz mehr in der schönen neuen Welt.“ – Das ist das Fazit des Beitrages.

Vor zwei Jahren gab es in zahlreichen Ländern des Südens sogenannte Hungerrevolten (Food Riots). Sie erregten soviel Aufsehen, daß ihnen über einen längeren Zeitraum Platz in den Schlagzeilen der Weltpresse eingeräumt wurde. Wichtige Mainstream-Zeitungen und -Zeitschriften widmeten dem Thema wiederholt Beiträge. Ein gemeinsames Merkmal vieler dieser Berichte war die Hervorhebung des »chaotischen« und »gewalttätigen« Charakters der Proteste, ein Klischee, das bekanntlich nicht auf Food Riots beschränkt ist, sondern auch bei anderen Protesten zur Anwendung kommt.

Kuba: Ausweitung der Nutzfläche, Fokussierung auf Familienbetriebe, ökologischen Anbau und urbane Gemüseproduktion.
Während von progressiven Agrarwissenschaftlern die kubanische Landwirtschaft als erfolgreiches nationales Experiment gepriesen wird, veröffentlichte Dennis Avery im April 2009 einen Artikel mit dem Titel „Cubans Starve on a Diet of Lies“ (Die Kubaner verhungern an einer Nahrung aus Lügen). Eine Gruppe von Autoren unter Federführung des kubanischen Agrarökologen Fernando Funes hat sich die Mühe gemacht haben, die von Avery in die Welt gesetzten Fehlinformationen zu zerpflücken.

Statt mit Waffengewalt sichern sich heute reiche Länder und multinationale Konzerne mit dem nötigen Kleingeld üppige Ländereien in armen und korruptionsgebeutelten Staaten. Anders als behauptet ist die neue Umverteilung von Boden keine Win-win-Situation. Die aktuelle Situation schreit nach einem globalen Moratorium für Landtransaktionen, zumindest bis dafür bestimmte Minimalprinzipien sanktionierbar implementiert wären – eine Forderung, die ähnlich geringe Chancen auf Durchsetzung hat, wie solche Minimalprinzipien selbst. Lokaler Basiswiderstand scheint derzeit die einzige Alternative.

Die Zukunft verheißt nichts Gutes: Das Scheitern des Klimagipfels und das kaum überraschende Beharren der führenden Industrieländer auf den bisherigen Positionen der Landwirtschafts- und Ernährungspolitik lassen vermuten, dass die Zuspitzung der Welternährungskrise noch dramatischer verlaufen wird als bisher eingestanden – ein Trend, der Erinnerungen an die Food Riots in 39 Ländern in 2007/2008 wach ruft. Zeitliche Dichte und globale Verbreitung dieser Ereignisse waren beispiellos und alarmierten die Zentren der Macht. Die Wiederkehr von Food Riots scheint nur eine Frage der Zeit.

Laut Weltagrarbericht geht es darum, dass »ökologische Nachhaltigkeit maximiert und bäuerliche Familienbetriebe wirtschaftlich so stark gemacht werden, dass sie in vorderster Linie die Armutsverringerung vorantreiben können«. Im vorliegenden Beitrag geht es um die inhaltliche Skizzierung von Alternativen. Ihre gegenwärtige politische Durchsetzbarkeit bleibt dahingestellt. Es ist aber wichtig, diese Alternativen zu kennen, denn auch im linken Spektrum wird »Fortschritt« im landwirtschaftlichen Bereich gelegentlich als Ausweitung und »Verfeinerung« agroindustrieller Produktionsmethoden gesehen.