Agrardebatte

zu Welternährung und globaler Landwirtschaft

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Zu den wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen (WSK-) Rechten der UNO zählt laut Artikel 11 das Recht auf „adäquate Nahrung, Bekleidung und Behausung und die kontinuierliche Verbesserung der Lebensbedingungen“. Dieses wurde bei der Einrichtung von Nationalparks regelmäßig verletzt, denn dabei mussten im globalen Süden fast immer Menschen weichen. Diese verloren oftmals über Nacht und ohne Entschädigung die Voraussetzungen für ihre Ernährung und ihre Behausung. Wenig beachtet ist „Naturschutz Grabbing“ dem agrarischen „Land Grabbing“ mehr als ebenbürtig und stellt dieses bislang sogar in den Schatten. Dieser Trend wird sich fortsetzen, denn laut Beschluss der 10. Nachfolgekonferenz zum Übereinkommen über die biologische Vielfalt der UNO im Oktober 2010 in Nagoya soll der Anteil der globalen Schutzgebietsfläche von derzeit 12 auf 17 Prozent erhöht werden.

Ernährungssouveränität bedeutet für La Vía Campesina eine ökonomisch lebensfähige und ökologisch nachhaltige Landwirtschaft, die zugleich eine wichtige soziale Funktion innehat. Das lässt sich nicht mit marktbasierten Ansätzen erreichen, sondern bedarf eines grundsätzlichen Politikwechsels. Eine verspätete Laudatio zum 20. Geburtstag.

Der offizielle Start von vier Großprojekten des »German Food Partnership«-Programms (GFP) am 5.11.2013 war Anlass zu scharfer Kritik an dieser »Entwicklungspolitik im Dienst deutscher Konzerne«. Von der Vorgehensweise und von der Struktur her ähnelt diese »Partnerschaft«, an der BASF, Bayer Cropscience, aber auch die Handelskette Metro, der Verband der Nahrungsmittel- und Verpackungsmaschinen und die Düngemittelindustrie beteiligt sind, der »Alliance for a Green Revolution in Africa«. Bei beiden geht es um die Schaffung vertikal integrierter Wertschöpfungsketten, bei denen bekanntlich der Wert vor allem am unteren Ende der Kette von den Bäuerinnen und Bauern geschaffen und dann schrittweise nach oben transferiert wird.

Kürzlich erschien das Buch »Die grüne Matrix. Naturschutz und Welternährung am Scheideweg.« Die Tageszeitung junge Welt veröffentlichte eine unter Weglassung von Fußnoten und Literaturhinweisen gekürzte Fassung des Abschnitts »Agrarökologie – Definitionen, Kontext und Potentiale«.
Die »Scharnierfunktion« der Agrarökologie zwischen Natur- und Gesellschaftswissenschaft existierte nicht von Anbeginn. Als der Begriff im Jahr 1928 von dem sowjetischen Agronomen B.M. Bensin geprägt wurde, war damit ausschließlich Biologisches gemeint – das Zusammenleben von Organismen auf landwirtschaftlichen Nutzflächen. Heute definieren renommierte AutorInnen diese Wissenschaftsdisziplin als »integrative Erforschung der Ökologie des gesamten Nahrungsmittelsystems, einschließlich seiner ökologischen, ökonomischen und sozialen Dimensionen« (Francis und Mitautoren 2003).

Seit 2006 bemüht sich, relativ wenig beachtet, die „Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika“, den profitablen Teil der afrikanischen Landwirtschaft in den Weltmarkt zu integrieren. Hinzu kommt, dass parallel dazu, ebenfalls in Afrika, seit 2010 versucht wird, eine wichtige Komponente agrarökologischer Anbauverfahren unter private Kontrolle zu bringen – die biologische Anreicherung von Stickstoff im Boden. Wiederum gehört die Bill & Melinda Gates-Stiftung zu den Hauptakteuren.

Vor knapp einem Jahr veröffentlichte ein Team um den französischen Professor Gilles-Eric Séralini Ergebnisse zur krebserregenden Wirkung und anderen Gesundheitsschäden an Ratten, nachdem diese 24 Monate lang mit gentechnisch verändertem NK603-Mais gefüttert wurden. Daraufhin wurde von der Gentechnik-Lobby eine Kampagne losgetreten, die dem Muster zu früheren Anlässen glich. Doch im Fall von Séralini funktionierte das Spiel, die Karriere kritischer WissenschaftlerInnen zu zerstören, nicht. Stattdessen reagierte die Politik, d.h. die EU-Kommission, mit der Ausschreibung von Forschungsgeldern, um die möglichen Effekte im Rahmen einer noch größeren Studie zu untersuchen.

Der globale Waldverlust spielt in der Umweltkrise eine herausragende Rolle. Damit einher gehen die Sorgen über die Folgen von Artenverlust, Klimawandel, aber auch den Wegfall der Lebensgrundlage für vom Wald abhängige Bevölkerungsgruppen. NGOs und kirchliche Hilfswerke prangern die Zerstörung der Lebensgrundlagen indigener Völker durch Palmölplantagen und Sojawüsten an. Bei der „Rettung des Klimas“ durch Kohlenstoffmärkte hat der Wald eine Schlüsselfunktion. WWF & Co. sammeln Spenden, „um die Säge zu stoppen“. Die FAO veröffentlicht regelmäßig eine globale Waldbestandsaufnahme. Was hat es auf sich mit der erwarteten Forest Transition, der perspektivischen Rückkehr der Wälder?

Obwohl Mexiko für das klassische Land Grabbing ein untypischer Fall ist, spielt das Phänomen eine durchaus beachtliche Rolle, wenn man den Blickwinkel erweitert und Land Control Grabbing einbezieht. Bei einer solchen Erweiterung des Blickwinkels wird deutlich, dass auf diese Weise in Mexiko inzwischen 30% der landwirtschaftlichen Nutzfläche durch Dritte kontrolliert werden. Umgekehrt gibt es zaghafte Versuche von Regierungen bestimmter Länder, Land Grabbing durch gesetzlich Regelungen bzw. Moratorien einzudämmen. Daran knüpft sich die Frage an, ob sich bäuerliches Wirtschaften und agrarökologische Methoden, gegen die mit dem Landraub verbundene Großflächenproduktion werden behaupten können. Zwei Beiträge hierzu sind auf www.welt-ernaehrung.de verlinkt.

Die Angst vor »Brotrevolten« (Food Riots), die in den Jahren 2007/2008 die Welt erschütterten, scheint verflogen. Im Jahr 2009 reduzierten sich die Weltmarktpreise für Nahrungsmittel auf das Durchschnittsniveau von 2007, aber seit 2011 liegen sie sogar über dem Wert von 2008. Doch wo bleiben die massiven Proteste?
Während es keinen Zweifel darüber gibt, dass die Preisexplosion vor rund fünf Jahren zu den globalen „Brotrevolten“ führte, gehen die Meinungen über die Ursachen für die Preisexplosion weit auseinander. Angela Merkel verkündete im April 2008 öffentlich, dass die Menschen in Indien daran Schuld seien, denn dort nähmen neuerdings 300 Millionen Menschen eine zweite Mahlzeit am Tag ein.
Hier wird gezeigt, dass die Spekulation an den Rohstoffbörsen wesentlichen Anteil daran hat.

An den vier wesentlichen Triebkräften, die den Kauf und die Pacht riesiger Flächen in den Ländern des Südens und Osteuropas befeuern – Nahrungsmittelspekulation, der Einsatz von Agrotreibstoffen, die Suche nach “sicheren“ Anlagen sowie Ernteausfälle aufgrund von Klimawandel und Bodenmüdigkeit – hat sich seit 2008 nichts geändert. Allerdings haben sich bei den investierenden Interessengruppen die Proportionen verschoben: Waren es ursprünglich vor allem Länder mit prekärer Eigenversorgung, die auf der Suche nach mehr Unabhängigkeit von den Fluktuationen der Weltmarktpreise nach Möglichkeiten eines Offshore farming suchten, sind es heute in viel stärkerem Maße Investoren, die auf Steigerungen bei den Lebensmittel- und Bodenpreisen spekulieren. Hinzu kommt noch die Rolle der Europäischen Union und die der EU-„Bio“kraftstofflobby, wie im Folgenden gezeigt wird.