Agrardebatte

zu Welternährung und globaler Landwirtschaft

Durchsuche Beiträge, die von Benny Haerlin geschrieben wurden

Mir der Forderung „Bauernhöfe statt Agrarindustrie“ verbindet sich ein postindustrielles Konzept bäuerlicher, solarer Landwirtschaft, die lokale und regionale Stoff- und Wirtschaftskreisläufe so integriert und optimiert, dass Effizienzschübe möglich werden. Es geht also nicht darum, in jene Art vor-fossiler Landwirtschaft zurückzufallen, die knapp ein Drittel der gesamten Fläche zur Energieversorgung von Pferden und anderen Zugtieren einsetzte. Aber wenn wir vermeiden wollen, dass schwindende natürliche Ressourcen zu globalem Mord und Totschlag führen, bleibt uns nur radikales Umdenken und Handeln. Mit dieser Thematik setzt sich der Beitrag in den „Münchner Stadtgesprächen“ (in der PDF auf Seite 4-6) vom April 2014 auseinander.

Wird 2011 ein neues Hungerjahr? Die Preisexplosion der letzten Monate und andere Faktoren legen dies nahe. Noch bleibt der Reispreis stabil, sind die Vorräte höher als 2008 und möglicherweise haben die Regierungen tatsächlich aus der letzten Katastrophe gelernt.

In einem streckenweise amüsant zu lesenden Urteil hat der Europäische Gerichtshof die Patentansprüche der Firma Monsanto auf Sojaschrot, der aus Argentinien nach Rotterdam verschifft wurde, vor die Wand laufen lassen. Seit Jahren ärgert sich der weltweite Gentech-Kaiser über die Praktiken der lateinamerikanischen Soja-Barone, seine “RounupReady” Soja einfach nachzubauen und dafür keine Patentgebühren zu bezahlen. Deshalb wollte er die Patentgebühr in Rotterdam abkassieren. Jetzt hat er sich ein Urteil eingefangen, das Wellen schlagen könnte.

Einen interessanten Beitrag dazu wie realistisch und ehrlich es ist, auf Basis der Übereinstimmung, über die grundlegende Fragen nicht übereinzustimmen, technische und wirtschaftliche Kompromisse der Koexistenz beim Gentechnik-Anbau zu suchen, lieferte der wissenschaftliche Beirat des Landwirtschaftsministeriums. Mit etwas gutem Willen und reichlich Gentechnik in der gentechnikfreien Produktion, vor allem im Saatgut, ist in den Augen der Wissenschaftler die Quadratur des Kreises eigentlich gar kein Problem. Die Empfehlungen der Wissenschaftler ließ Ministerin Ilse Aigner vorsorglich nur durch einen Staatssekretär entgegennehmen.

Bis zum 11. Juni nimmt der neue rumänische Agarkommissar der EU, Dacian Ciolos, Vorschläge der Bürgerinnen und Bürgern Europas zur Reform der gemeinsamen Agrarpolitik der EU auf seiner Webseite entgegen. Wenn Ihnen die Bekämpfung von Hunger, Klimawandel, explodierenden Gesundheitskosten und der „Monsantoisierung“ unserer Ernährung am Herzen liegen, sollten Sie dem Kommissar vielleicht schreiben.

Die EU Kommission will künftig allen Mitgliedsstaaten freistellen, den Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen ohne wissenschaftliche Begründungen zu verbieten. Mit diesem Schritt hofft sie, Staaten, die den Gentechnikanbau ablehnen, zu befrieden und jenen, die ihn vorantreiben wollen, bessere Voraussetzungen zu schaffen. Anders sei der tote Punkt des europäischen Gentechnik-Streits nicht zu überwinden. Ein Sieg der Anti-Gentechnikbewegung mit Phyrrus-Potential.

„Wissensbasierte Bioökonomie“ ist ein neues Schlagwort in den Politik-Werkstätten von Berlin bis Brüssel. Es umschreibt eine Strategie des endgültigen Durchgriffs der Industrie auf die Landwirtschaft. Präsentiert wird sie als zwingendes Gebot der Nachhaltigkeit und wissenschaftlichen Vernunft in Zeiten des Klimawandels und globalen Marktes. Agrarsprit und Gentechnik, „grüne Fabriken“ und Bio-Raffinerien, nachwachsende Rohstoffe und Spezialchemie vom Acker verweben sich zu einem Konzept radikal veränderter Landnutzung, in dem Bauern nur am Rande vorkommen und der Anbau traditioneller Lebensmittel als lästige Pflicht erscheint.

Eine wirklich grosse Koalition aus Greenpeace, dem Deutschen Bauernverband, Misereor, der hessischen Landesregierung, der bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall und vielen, vielen anderen hatte heute Grund zum feiern: Das Europäische Patentamt hat endlich ein von Monsanto auf besonders fleischreiche Schweinerassen angemeldetes Patent widerrufen. Ein guter Anlass für die Politik, endlich dem wirren Patent-Treiben auf Tiere, Pflanzen, Gene und sogar menschliche Zellen ein Ende zu bereiten.

Humberto Ríos Labrada, ein Agrarwissenschaftler aus Kuba, hat den mit 150.000 Dollar dotierten Goldmann Umweltpreis gewonnen. Geehrt wird er für seine Verdienste um die landwirtschaftliche Vielfalt und die Unabhängigkeit der Kleinbauern auf der Zuckerrohr-Insel. Dass vieler seiner Lieder eindeutig nur für Erwachsene sind, hat vielleicht mehr mit  Labrada’s Mission zu tun als man auf den ersten Blick annehmen mag.  Sex ist schließlich die Grundlage aller Vielfalt.

Langsam geht die Sache ins Geld. Zu fast 50 Millionen Dollar, 42 davon als Strafzahlung, verurteilte am Donnerstag ein Gericht in Arkansas, USA, Bayer Crop Science für die gentechnische Verunreinigung von Reis-Saatgut von 12 Bauern. Die klagenden Reisbauern konnten ihre Ware im Jahre 2006 nicht mehr verkaufen, weil ohne ihr Wissen gentechnisch veränderter Reis in ihrem Saatgut gelandet war, der aus einem Versuch der Firma stammte. Das Urteil ist das vierte seiner Art und die jeweiligen Strafzahlungen sind von Urteil zu Urteil gestiegen. Bayers Problem: Bisher wurden erst 20 von insgesamt fast 500 Klagen verhandelt.