Agrardebatte

zu Welternährung und globaler Landwirtschaft

Während Schwarz-Gelb sich über den künftigen Umgang mit der Agro-Gentechnik bisher nicht einigen kann, fordern die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina, die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften gemeinsam schon mal, das Gentechnikgesetz komplett zu schleiffen: Keine Haftung, keine Veröffentlichung der Standorte, geringere Sicherheitsabstände, Verkürzung der Anmeldefrist und ein Freibrief für die Auskreuzung nicht zugelassener Gentechnik-Konstrukte aus Experimenten auf Nachbarfelder gehören zur Wunschliste der Wissenschaftler, nicht zu vergessen “praktikable Schwellenwerte” für die Verunreinigung von konventionellem mit gentechnischem Saatgut. Auch der wissenschaftlich-industrielle Bioökonomierat der Bundesregierung fühlt sich berufen, in die Koalitionsverhandlungen einzugreifen und seine Forderung nach Lockerung des Gentechnik-Gesetzes zu wiederholen.

Damit im Jahre 2050 rund 9 Milliarden Menschen genug zu essen haben, muss die landwirtschaftliche Produktion um mindestens 70% steigen. Auf Basis dieses Lehrsatzes der Welternährungsorganisation FAO diskutieren heute und morgen 300 geladene Experten in Rom über die Frage „How to feed the world in 2050″.  Dieses Verdikt der FAO ist bei Lichte betrachtet ein Weltuntergangs-Rezept. Jeder weiss das; aber keiner will die Wahrheit als erster aussprechen. Eine Milliarde Hungernde sind dabei die Geisel in einem makabren Schattenspiel um des Kaisers neue Kleider. Was wir brauchen sind keine weiteren globalen Produktionssteigerungen (wohl aber lokale), sondern vor allem eine Effizienzrevolution. Die von der FAO geforderten Investitionen in die Landwirtschaft von jährlich 83 Milliarden Dollar sind zwar ein richtiger Anhaltspunkt. Die von ihr genannten Ziele nicht.

Wenn Karl Lagerfeld im Grand Palais zu Paris seine Chanel-Kollektion im Heu präsentiert und dabei “Fuck-You-very-much“-Lily Allen aus dem Stallboden auftaucht, fragen wir uns: was teilt uns der Zeitgeist damit über die neue gesellschaftliche Rolle der Landwirtschaft mit?

Auch letzten Montag kam für die existenzbedrohten Milchbauern Europas aus Brüssel nichts Neues: Nachdenken und verhandeln will man weiter, zusätzliches Geld von der EU gibt es nicht. Eine Initiative, die den Erzeugern eine bessere Verhandlungsposition gegenüber ihren hoch konzentrierten Abnehmern schaffen soll, wird von 7 Mitgliedstaaten fürs Erste abgeblockt. Das Bauernsterben geht weiter. Im Kern hat sich nichts bewegt. Dieser Kern heisst: Weniger oder mehr?

Ein Bericht der Deutschen Bank Research unter dem Titel “Lebensmittel eine Welt voller Spannung” konstatiert in bisher ungekannter Klarheit: “Die Landwirtschaft muss sich ändern, um die Welt zu ernähren.” Die Analyse der jüngsten Erkenntnisse zu Marktentwicklung und Nachhaltigkeit der weltweiten Landwirtschaft, insbesondere auch des Weltagrarberichts, liest sich über weite Strecken wie eine verdichtetes Papier von Entwicklungs- und Umweltorganisationen. Eine gut getimte Grundlage für globale Diskussionen über die Welt-Hungerlage, die Aufgaben eines neuen Verbraucher- und Landwirtschaftsministers und die Reform der EU-Agrarpolitik.

“A safe operatring space for humanity” lautet der Titel eines gemeinsamen Artikels eminenter Geo- und Klimaforscher in der letzten Ausgabe von “Nature”. Sie versuchen damit so etwas wie einen eingermassen sicheren Betriebsbereich unseres Planeten in Bezug auf neun zentrale Kreisläufe zu definieren, deren relativ stabiler Zustand das Holozän, unser gegenwärtiges Erdzeitalter nach der letzten Eiszeit von 12.000 Jahren, kennzeichnen . In drei Bereichen (Klima, Artensterben und Stickstoff-Anreicherung) hat nach ihrer Berechnung die Menschheit das akzeptable Limit bereits deutlich überschritten, bei vier weiteren bewegt sie sich schnell auf diese Grenze zu (Phosphorbelastung, Versauerung der Ozeane, Veränderung der Landnutzung und Wassernutzung).

Der Freistaat wollte nicht: Bis zum Anschlag hatte die bayrische Staatsregierung die von der Europäischen Union vorgeschriebene Veröffentlichung der Agrarsubventionen und ihrer Empfänger für ihren Einzugsbereich verweigert. “Datenschutz” und “Neiddebatte” waren ihre Argumente. Erst als empfindliche Strafen drohten gaben die Bayern schließlich doch noch nach. Jetzt haben sie aus der Not eine Tugend gemacht. Während im bundesdeutschen Register lediglich die nackten Summen angegeben werden, kann in einer speziellen bayerischen Datenbank zudem nachgeschlagen werden wofür die Bauern bzw. Handels-, Verwertungs- und Verarbeitungsbetriebe das Geld bekamen. Nachahmenswert!

Mit der Worthülse »Nachhaltigkeit« versehen, favorisieren FAO und Weltbank »hochproduktive Systeme«, d.h. Hochleistungssorten, deren Ertragspotential nur unter Einsatz von Intensivbewässerung, Pestiziden und chemischer Düngung ausgeschöpft werden kann.
Die Verfechter alternativer Strategien fordern eine stärkere Unterstützung der landwirtschaftlichen Entwicklung in den Ländern des Südens, die sich mit dem Begriff »Ernährungssouveränität« (Via Campensina) subsumieren lässt – tatsächliche Nachhaltigkeit, die eine darauf ausgerichtete Agrarforschung einschließt.

Dass der Mann tatsächlich Landwirtschafts- und Verbraucherminister wird, ist zwar glücklicherweise nicht zu befürchten.Dennoch ist die Berufung des Bauernverbands-Vize und Agrar-Industriellen Udo Folgart in das Schatten-Team von Frank-Walter Steinmeier ein programmatischer Schlag ins Kontor: Ein vehementer Befürworter von Gentechnik, Agrarsprit und Industriemilch vertritt jetzt das landwirtschaftliche Profil der SPD. Tiefer in den Filz von Bauern- und Raiffeisenverband, Agrarindustrie, Subventionslobby alter Schule und ehemaliger DDR-LPG-Seilschaften hätten die Genossen nicht greifen können. Wie sie mit einem derart groben Klotz Verbraucherinnen oder aufgebrachte Kleinbauern begeistern wollen bleibt ihr Geheimnis.

Was stellen Sie sich unter „Bioökonomie” vor? Vielleicht, wie Bioprodukte sich rechnen, oder die Wirtschaft „bio” wird oder das Leben seine eigene Ökonomie hat? Man rätselt was die neue Kreation uns sagen will und wer vor allem uns die Botschaft schickt. Bio heißt Leben, Oikos der Haushalt, soviel haben wir gelernt, klingt irgendwie schick, soll es wohl auch.  Neuerdings hat Deutschland einen Bioökonomie-Rat. Mit zwei Millionen Euro Taschengeld von Forschungsministerin Annette Schavan alimentiert, soll er „wissenschaftlich fundierte Analysen zur nachhaltigen Nutzung von Biomasse entwickeln und Vorschläge für eine nationale Innovationsstrategie machen.”  Wir sind enttäuscht: Alles eine Biomasse? Dann lesen wir die Mitgliederliste des Rates und sind noch enttäuschter: Ausschließlich hochkarärtige Technokraten und Manager aus Industrie und Wissenschaft mit grober Gentechnik-Schlagseite.

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