Agrardebatte

zu Welternährung und globaler Landwirtschaft

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Von Uwe Hoering, Februar 2017: Vor einem Jahrzehnt schien es so, als würde ein ‚Schlafender Riese’ geweckt: Afrika habe das Potential, zum Brotkorb der Welt’ zu werden. Dafür wurde auf private Investoren gesetzt, die ein wirtschaftliches Interesse am Anbau von Nahrungsmitteln wie Reis hätten. Ernährungssicherheit und Armutsminderung schienen so mit kapitalistischer Agrarindustrie kongruent zu werden. Doch die meisten Länder in Afrika südlich der Sahara stehen heute genau da, wo sie vor zehn Jahren standen: Abhängig vom Weltmarkt und von globalen Konzernen. Und die Chance, die einheimische bäuerliche Landwirtschaft zu fördern, wurde vertan.

Afrique-Europe-Interact; WTO ohne Entwicklungsagenda; The Clever Ambiguity of “Climate Smart Agriculture”; Mobilization in the Brazilian countryside; Investoren bestimmen Umsetzung des Rechts auf Land; CO2 im Meer versenken und damit Armen helfen; China: Rural Labor in Transition; Water services back under public control; u.a.m.

von Uwe Hoering, November 2014

In bester Manier der Kommunistischen Partei Chinas strukturiert Francesco Rampa, Leiter des Programms Ernährungssicherheit beim European Centre for Development Policy Management (ECDPM), seinen Blog-Beitrag über Ernährung in 4 Herausforderungen, 4 Chancen und 4 Ideen für die EU. Zwar äußert er hier seine persönliche Meinung. Doch der Beitrag zeigt sehr schön die Argumentation, wie gegenwärtig die Verschiebung der Diskussion weg von den Themen Hunger, Armut, Ernährungssicherheit und Verteilungsfragen hin zu ‚Ernährung’ das Einfallstor bietet für die Legitimation von Public-Private Partnerships – und für die Abdankung der Politik aus ihrer entwicklungspolitischen Verantwortung.

von Uwe Hoering, Oktober 2014:

Nicht nur der diesjährige Welternährungstag am 16. Oktober 2014 stand unter dem Motto ‚Family Farming: Feeding the World, Caring the Earth’, das ganze Jahr 2014 wurde von den Vereinten Nationen der sogenannten Familienlandwirtschaft gewidmet. Viele Beobachter sehen darin die Anerkennung für die entscheidende Rolle, die die bäuerliche Landwirtschaft für Ernährungssicherung, Umweltschutz, Armutsminderung und ländliche sowie wirtschaftliche Entwicklung spielt, einige gar den Beginn ihrer “Renaissance”.

Mir der Forderung „Bauernhöfe statt Agrarindustrie“ verbindet sich ein postindustrielles Konzept bäuerlicher, solarer Landwirtschaft, die lokale und regionale Stoff- und Wirtschaftskreisläufe so integriert und optimiert, dass Effizienzschübe möglich werden. Es geht also nicht darum, in jene Art vor-fossiler Landwirtschaft zurückzufallen, die knapp ein Drittel der gesamten Fläche zur Energieversorgung von Pferden und anderen Zugtieren einsetzte. Aber wenn wir vermeiden wollen, dass schwindende natürliche Ressourcen zu globalem Mord und Totschlag führen, bleibt uns nur radikales Umdenken und Handeln. Mit dieser Thematik setzt sich der Beitrag in den „Münchner Stadtgesprächen“ (in der PDF auf Seite 4-6) vom April 2014 auseinander.

Am Beispiel von Reis lassen sich wie in einem Brennglas viele Aspekte der Auseinandersetzungen um landwirtschaftliche Entwicklungsstrategien, Land- und Wassernutzung, nationale und internationale Agrarpolitik, Ernährungsgewohnheiten und Ernährungssicherung veranschaulichen. Deshalb werden in diesem SPECIAL in den kommenden Monaten entsprechende Nachrichten, Blogbeiträge, Hinweise auf Literatur und Akteure zusammengestellt.

Brasilianisch-Afrikanische Freundschaft beim ‘Land grabbing'; eine aktuelle Publikation, wie Nahrungsmittelverluste verhindert werden können; ein Schaufenster der Wasserindustrie; Hinweise auf Veranstaltungen, wie “nachhaltige Intensivierung” beziehungsweise das Entwicklungsministerium die Ernährung sichern wollen; u.a.m.

Masipag, eine philippinische Bauernorganisation, pflegt einen kreativen Umgang mit der Gesetzgebung, weil die Bäuerinnen und Bauern davon überzeugt sind, dass Saatgut niemandem allein gehören kann.  Masipag: das heißt soviel wie “Landwirte und Wissenschaftler für Entwicklung”.

Die Organisation besteht seit 1986 und hat sich intensiv mit den Folgen der so genannten Grünen Revolution auseinandergesetzt: Verlust an Kulturpflanzenvielfalt, höhere Kosten durch zunehmenden Pestizideinsatz, saure Böden und vieles mehr. Und somit: mehr Abhängigkeit durch Schulden für ohnehin schon arme Bauern. Von genetischem Imperialismus ist die Rede. Tatsächlich ist “modernes” Saatgut (Hybridsaatgut oder genmanipuliertes Saatgut) für viele Bauern heute unerschwinglich. Wenn sie kaufen wollen, benötigen sie meist einen Kredit. Wenn sie dann kaufen, drücken Schulden, denn Zinssätze zwischen 25-50% (!) sind in den Tropen weit verbreitet. Da hilft nur selber züchten! Aber wie? „Farmer-Led Participatory Plant Breeding“ heißt das Konzept, das zu mehr Selbstermächtigung und Vielfalt führt. Die Zusammenfassung der Arbeit von Masipag klingt nach der Erdung von Elinor Ostroms Designprinzipien für erfolgreiches gemeinschaftliches Ressourcenmanagement und nach einem intelligenten “legal hack“. Genau das, was die Welt braucht.

Wer mehr wissen will: hier geht’s lang.

 

Am Dienstag, dem zweiten Tag der Suche nach der Ernährungssicherheit für Senegal, geht es unter anderem um die Auswirkungen des Klimawandels im Sahel und um Ansätze, durch Aufforstung, Zugang zu Wasser und Absicherung von Landnutzungsrechten landwirtschaftliche Entwicklungsperspektiven aufzuzeigen.

Vor kurzem begrüßte der zuständige UN-Sonderberichterstatter, dass Mexiko dem Recht auf Nahrung Verfassungsrang eingeräumt hat. Es stellt sich jedoch die Frage, ob die verfassungsmäßige Anerkennung dieses Rechts nicht nur eine weitere Inszenierung im Rahmen von Mexikos simulierter Demokratie darstellt, ähnlich wie bei anderen völkerrechtlichen Abkommen. In einer kürzlich veröffentlichten Analyse wurde das nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA) als wesentlicher Grund für den in Mexiko herrschenden Hunger identifiziert: Ende 2010 lebten 20 Millionen Einwohner Mexikos in “Ernährungsarmut”, einem Zustand, bei dem die betroffenen Personen sich nicht leisten können, eine ausreichende Menge an Grundnahrungsmitteln zu kaufen.

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