Agrardebatte

zu Welternährung und globaler Landwirtschaft

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Nicht selten ruft die Frage, ob und unter welchen Bedingungen die wachsende Weltbevölkerung ausreichend ernährt werden kann, Ratlosigkeit und Unbehagen hervor. Eine negative Antwort würde den Hungertod Hunderter Millionen Menschen mit kaum vorstellbaren gesellschaftlichen Folgen bedeuten. Schließlich sind schon heute zirka 850 Millionen Menschen unterernährt, was bedeutet, dass alljährlich etwa 10 Millionen Menschen an Hunger oder seinen unmittelbaren Folgen sterben. Die Frage, was getan werden müsste, um bei gleichzeitig wachsender Weltbevölkerung von diesem Genozid wegzukommen, wird sehr unterschiedlich beantwortet.

Energie ist eine wichtige Ressource für die menschliche Zivilisation, und Stickstoff stellt einen unentbehrlichen Pflanzennährstoff dar. Doch mit dem synthetischen Dünger verhält es sich ähnlich wie mit der Atomkraft – beide sind entbehrlich. Und es gibt eine weitere Parallele zur Atomenergie: Beim Stickstoff gibt es eine ähnlich dramatische Umweltbelastung, die jedoch im öffentlichen Bewusstsein deutlich weniger präsent ist. Stickstoff (und Phosphat) sind zwar nicht so gefährlich wie Brennstäbe aus Atomkraftwerken, aber sie werden auch nicht zwischen- oder endgelagert, sondern entweichen in großem Umfang völlig unkontrolliert in die Umwelt.

von Uwe Hoering, Oktober 2014:

Nicht nur der diesjährige Welternährungstag am 16. Oktober 2014 stand unter dem Motto ‚Family Farming: Feeding the World, Caring the Earth’, das ganze Jahr 2014 wurde von den Vereinten Nationen der sogenannten Familienlandwirtschaft gewidmet. Viele Beobachter sehen darin die Anerkennung für die entscheidende Rolle, die die bäuerliche Landwirtschaft für Ernährungssicherung, Umweltschutz, Armutsminderung und ländliche sowie wirtschaftliche Entwicklung spielt, einige gar den Beginn ihrer “Renaissance”.

Mir der Forderung „Bauernhöfe statt Agrarindustrie“ verbindet sich ein postindustrielles Konzept bäuerlicher, solarer Landwirtschaft, die lokale und regionale Stoff- und Wirtschaftskreisläufe so integriert und optimiert, dass Effizienzschübe möglich werden. Es geht also nicht darum, in jene Art vor-fossiler Landwirtschaft zurückzufallen, die knapp ein Drittel der gesamten Fläche zur Energieversorgung von Pferden und anderen Zugtieren einsetzte. Aber wenn wir vermeiden wollen, dass schwindende natürliche Ressourcen zu globalem Mord und Totschlag führen, bleibt uns nur radikales Umdenken und Handeln. Mit dieser Thematik setzt sich der Beitrag in den „Münchner Stadtgesprächen“ (in der PDF auf Seite 4-6) vom April 2014 auseinander.

Die industrielle Landwirtschaft ist an den Verbrauch fossiler Brennstoffe gekoppelt. Kleinbauern produzieren energieeffizienter als Großbetriebe. Im Extremfall ergibt sich ein Unterschied um bis zum Hundertfachen zwischen den beiden Anbausystemen, d.h. in der industriellen Landwirtschaft werden bis zu zehn Kilokalorien und mehr aufgewendet, um eine Kilokalorie Nahrung zu erzeugen. In der kleinbäuerlichen Landwirtschaft, bei der auf den Einsatz von Agrochemikalien und schwerer Technik verzichtet wird und wo durch agrarökologische Methoden trotzdem gute Erträge gesichert werden, können aus einer Kilokalorie extern zugeführter Energie bis zu zehn Kilokalorien Nahrung entstehen. Insofern ist die von internationalen Institutionen und westlichen Regierungen forcierte Umstellung der kleinbäuerlichen Produktion in den Ländern des Südens auf eine inputintensive Landwirtschaft in hohem Maße unverantwortlich, denn die Folgen bei Erschöpfung der Erdölvorräte sind absehbar.

Ernährungssouveränität bedeutet für La Vía Campesina eine ökonomisch lebensfähige und ökologisch nachhaltige Landwirtschaft, die zugleich eine wichtige soziale Funktion innehat. Das lässt sich nicht mit marktbasierten Ansätzen erreichen, sondern bedarf eines grundsätzlichen Politikwechsels. Eine verspätete Laudatio zum 20. Geburtstag.

Das Ernährungssicherungs-Gesetz in Indien
von Uwe Hoering, Oktober 2013

Das Recht auf Ernährung ist, so scheint es, mittlerweile allgemein anerkannt. Jetzt kommt es darauf an, den Anspruch auf Zugang zu ausreichender Nahrung auch umzusetzen. Das Ernährungssicherungs-Gesetz (National Food Security Bill), das Anfang September vom indischen Parlament verabschiedet wurde, könnte ein Meilenstein dafür sein. Und es könnte den Widerspruch zwischen überquellenden Vorratslagern und Getreideexporten auf der einen Seite, verbreitetem Hunger auf der anderen lösen. Doch die Chancen dafür stehen schlecht.

“Es ist traurig, dass so viele junge Leute die ländlichen Regionen verlassen haben”, bedauert James Mutebi von der Caritas Kampala. Man trifft sie überall in der quirligen, aus allen Nähten platzenden Hauptstadt. An jeder Straßenecke steht ein Pulk von Motorradfahrern, die auf Kunden warten. Die Zahl dieser Boda-Boda-Fahrer ist groß, die Konkurrenz riesig. Viele müssen sich ein Motorrad mieten, vom Verdienst bleibt dann oft nur wenig übrig. Benedict Kalungi kann sie denn auch nur bedauern. “Wenn man es richtig macht, kann man von der Landwirtschaft sehr viel besser leben”, sagt er. Er hat seine eigene kleine Farm, mit Obstbäumen, Kochbananen, Gemüse, Heilkräutern und Gewürzen, auch etwas Kleinvieh. “Wir sind es doch, die die Menschen in den Städten ernähren”, verkündet er stolz. Eine Reportage aus Uganda von Uwe Hoering.

von Uwe Hoering, September 2013

Das Konzept der Ernährungssouveränität hat sich als wirkungsvolle Kritik an der kapitalistischen industriellen Landwirtschaft und als Gegenentwurf für eine landwirtschaftliche und ländliche Entwicklung, die an der Stärkung der bäuerlichen Landwirtschaft ansetzt, etabliert. Bei einer internationalen Konferenz Mitte September an der Yale University soll es einem „kritischen Dialog“ unterzogen werden. Provokanter Einstieg in die Diskussion ist der Beitrag „Food Sovereignty: A skeptical view“ von Henry Bernstein, der sich mit dem Konzept „as a political project and campaign, an alternative, a social movement, and an analytical framework“ auseinandersetzt.

Obwohl Mexiko für das klassische Land Grabbing ein untypischer Fall ist, spielt das Phänomen eine durchaus beachtliche Rolle, wenn man den Blickwinkel erweitert und Land Control Grabbing einbezieht. Bei einer solchen Erweiterung des Blickwinkels wird deutlich, dass auf diese Weise in Mexiko inzwischen 30% der landwirtschaftlichen Nutzfläche durch Dritte kontrolliert werden. Umgekehrt gibt es zaghafte Versuche von Regierungen bestimmter Länder, Land Grabbing durch gesetzlich Regelungen bzw. Moratorien einzudämmen. Daran knüpft sich die Frage an, ob sich bäuerliches Wirtschaften und agrarökologische Methoden, gegen die mit dem Landraub verbundene Großflächenproduktion werden behaupten können. Zwei Beiträge hierzu sind auf www.welt-ernaehrung.de verlinkt.