Agrardebatte

zu Welternährung und globaler Landwirtschaft

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Zulieferer und Verbraucher gehören zu den Opfern wirtschaftlicher Konzentrationsprozesse im Ernährungsbereich. Preisdruck und Qualitätsschwund sind nur zwei der Folgen. Mit wachsender Marktmacht bestimmen die Konzerne auch zunehmend die Spielregeln unseres Zusammenlebens – zu Lasten von Umwelt, Gesundheit und Demokratie. Einen Eindruck von Tempo und Umfang der heutigen Konzentrationsprozesse erhält man durch einen Blick auf den Bayer-Konzern. Als er 2002 Aventis Crop Science für sechs Milliarden Euro übernahm, sprach die Coordination gegen Bayer-Gefahren vom größten Deal in der Unternehmensgeschichte und verwies darauf, dass es Ende der 1960er Jahre noch 40 „große“ Firmen im Pestizid- und Saatgutsektor gab. Mit dem Kauf von Monsanto hat der größte Deal in Bayers Unternehmensgeschichte nunmehr ein Volumen von 66 Milliarden Euro und über 70% des globalen Pestizid- und Saatgutmarkst wird von 4 bzw. 5 Unternehmen kontrolliert.

Der europäische Phosphorzyklus könnte vollständig geschlossen werden, wenn die importierten chemischen Phosphatdünger komplett gegen biologische und recyclte chemische Phosphordünger ersetzt würden. Damit stiege die Wasserqualität in Europa und viele andere Probleme wären gelöst. Doch um das zu erreichen, müsste das Diktat der »Marktkräfte« überwunden werden.

Im 21. Jahrhundert blickt der globale Norden mit Demut auf die vergangenen zwei Jahrhunderte zurück, in denen im Zuge der Industrialisierung und Globalisierung die Ressourcen des Planeten in großem Stile ausgebeutet wurden. Während das Wissen um das Ausmaß globaler Umweltzerstörung zunimmt, wird der Ruf nach mehr Umweltschutz in der Öffentlichkeit lauter. Auch die weltweit größten Umweltschutz-Nichtregierungsorganisationen (NGOs) haben sich unlängst grüne Agenden auf die Fahnen geschrieben.
Angelehnt an die von Fairhead et al. (2012) gestellte Frage: „Are contemporary modes of appropriation of land and resources for apparently green ends extensions of processes that have long operated, or are they in some sense qualitatively different?” setzt sich die von Rene Vesper im Institut für Geografie der Universität Bonn erstellte Hausarbeit mit dem Thema des Green Grabbing auseinander.

Das Verhältnis zwischen agrochemischer Industrie, landwirtschaftlichen Produzenten und Verbrauchern wirft nicht nur ein Schlaglicht auf den Zustand unserer Landwirtschaft, sondern auch auf den unserer Demokratie. Das lässt sich anhand des Streits um die weitere Genehmigung des Wirkstoffs Glyphosat, auch Bestandteil des Breitband-Unkrautvernichtungsmittels »Roundup«, zeigen, von dem bereits vor fünf Jahren bei einem Jahresumsatz von knapp 4 Milliarden US-Dollar etwa 610.000 Tonnen weltweit eingesetzt wurden.

Am 12. November veröffentlichte die Europäische Agentur für Lebensmittelsicherheit (EFSA) ihre Schlussfolgerung zur Bewertung des Herbizidwirkstoffs Glyphosat, der von der WHO-Agentur für Krebsforschung (IARC) als “wahrscheinlich krebserregend beim Menschen” eingestuft wurde, was eine weitere Genehmigung dieses Wirkstoffs in Europa mit größter Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen hätte, wenn die EFSA sich dieser wissenschaftlich fundierten Bewertung angeschlossen hätte – hat sie aber nicht. Anfang Dezember 2015 wurde der entscheidende Teil der EFSA-Schlussfolgerungen, jene zu den Krebsstudien an Labormäusen, einer kritische Analyse unterzogen. Zu diesem 10-seitigen englischsprachigen Dokument gibt es jetzt eine deutsche Zusammenfassung.

Die „neuen Philanthropen“, wie sich die Milliardäre des 21. Jahrhunderts nennen, schaffen mit ihren Stiftungen unter Umgehung demokratischer Entscheidungsprozesse die Voraussetzungen für die Ausdehnung der Märkte transnationaler Konzerne. Verbrämt durch einen Diskurs der Armutsbekämpfung, fördern sie die Entstehung einer neuen agrarischen Mittelschicht im subsaharischen Afrika, die ausreichend zahlungskräftig ist, um sich die Segnungen einer neuen Grünen Revolution leisten zu können. Mangel an Demokratie ist eine wesentliche Voraussetzung dafür. Zwar behauptet die Grüne Revolution 2.0, dass sie die afrikanischen KleinbäuerInnen aus der Armutsfalle ziehen wolle, doch gerade diese profitieren nicht davon! Die eigentlichen Nutznießer des neuen landwirtschaftlichen Booms sind – wie Untersuchungen in Kenia und Sambia zeigen – reiche Städter, in der Mehrzahl Regierungsangestellte, die sich in die Landwirtschaft einkaufen.

Mit der Einstufung von Glyphosat als “wahscheinlich krebserregend beim Menschen” durch die WHO-Krebsagentur IARC im März diesen Jahres ist eine brisante Kontroverse entstanden, denn das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) kam zu einer gegenteiligen Einschätzung. Es war in der EU für die Glyphosat-Bewertung im Rahmen der Wiederzulassung zuständig und beharrt bislang auf seinem Urteil “kein Hinweis auf krebserregende Wirkung”. Obwohl das BfR versichert, “vollumfänglich eine eigenständige Bewertung” durchgeführt zu haben, muss es sich den Vorwurf gefallen lassen, bestimmte mathematisch-statistischen Auswertungsmethoden der Industrie, die nicht mehr dem aktuellen Standard entsprechen, einfach übernommen zu haben. Ferner hat das BfR mögliche Wirkungsmechanismen für die Verursachung von Krebs offenbar nicht berücksichtigt.

Die Verabschiedung der freiwilligen Leitlinien der FAO (Voluntary Guidelines on the Responsible Governance of Land, Fisheries and Forests in the Context of National Food Security) im Jahr 2012 wird als großer Erfolg betrachtet. Doch Landgrabbing erschöpft sich nicht mit Kauf oder Pacht großer Landflächen. In Afrika gibt es subtilere Formen von Landgrabbing, insbesondere durch das dort geförderte Modell agrarindustrieller Produktion.

Wenn sich am 7. und 8. Juni die Staats- und Regierungschefs der G-7-Länder auf Schloss Elmau in Oberbayern treffen, wird auch die Gestaltung von Handels- und Lieferketten ein Gesprächsthema sein. Diese Strukturen werden gern als Wertschöpfungsketten bezeichnet, was suggeriert, dass alle Beteiligten etwas abbekommen. Besonders jene Prozesse, die unsere Ernährung berühren, spielen eine wichtige Rolle. Unter dem Titel »Wer hat die Macht?« wurde anlässlich des G-7-Gipfels eine Studie des Fair Trade Advocacy Office Brüssel zu Machtkonzentration und unlauteren Handelspraktiken in diesen Wertschöpfungsketten vorgelegt.

Eine aktuelle Recherche des Pestizid Aktions-Netzwerks (PAN Germany) deckt eine wichtige Lücke bei der Risikobewertung von Glyphosat durch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) auf. Demnach gibt es derzeit mindestens zehn Studien, die zeigen, dass Glyphosat in Zellen sogenannten „oxidativen Stress“ auslöst, der auch zur Krebsentstehung führen kann. Diesen Wirkungsmechanismus hat das BfR jedoch außer Acht gelassen. Dieses Versäumnis könnte ein Grund dafür sein, dass das BfR, anders als ein internationales Gremium der Weltgesundheitsorganisation (WHO), zu dem Schluss kommt, dass Glyphosat nicht krebserregend ist.

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